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Was kommt nach einem 0:9?

Nach der historischen Pleite richten sich die Blicke mehr denn je auf Oberligist FC Hagen/Uthlede

Wie kann man in der Fußball-Oberliga Niedersachsen eigentlich mit 0:9 verlieren? Wie geht man um mit solch einem 0:9? Und wie geht es nach jener Aufarbeitung dann eigentlich weiter? Es waren Fragen wie diese, die den FC Hagen/Uthlede in den vergangenen Tagen umgetrieben haben. Die durchaus als historisch einzustufende 0:9-Blamage gegen den 1. FC Germania Egestorf-Langreder bestimmt derzeit die Gefühlslage rund um die Blumenstraße. Und es stellt sich nach drei Heimniederlagen in Serie mit 1:13 Toren vor dem Auswärtsspiel bei Arminia Hannover (Sonnabend, 16 Uhr) die Frage: Was kommt jetzt?

Für Hagens Torwart Yannick Becker ist die Lage zumindest in einer Sache schon einmal geklärt: „Jeder einzelne wird jetzt zeigen wollen, wie der wirkliche Charakter dieser Mannschaft ist.“ Der 29-jährige Schlussmann, der den Hagenern schon so oft Siege und Punkte gerettet hat, war am vergangenen Sonntag wahrlich zu bemitleiden. Als in der zweiten Halbzeit die Gegentore zum 0:6 und 0:7 und 0:8 und 0:9 fielen, da drehten die Gedanken schon durch: „Man denkt, man ist in einem Albtraum. Dann siehst du, wie die Zuschauer dich mit großen Augen anschauen. Und du fragst dich nur noch: Was passiert hier eigentlich gerade?“

Am Ende passierten neun Gegentreffer – für den erfahrenen Yannick Becker ein völlig surreales Gefühl. Eines, dass er in einem Oberligaspiel eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. „Man wird dann hinterher natürlich aus allen Ecken gefragt, was da los gewesen ist.“ Eine wirklich schlüssige Antwort habe er aber nicht geben können. Die ist auch für Carsten Werde mit einigen Tagen Abstand nur schwer zu ermitteln. Der Trainer des FC Hagen/Uthlede hat ebenfalls am eigenen Leibe erfahren müssen, was eine solche Niederlage auslöst. Reihenweise habe er nach dem Debakel Nachrichten erhalten, neugierige Nachfragen zum einen, aber natürlich auch entsprechend bissige Sprüche und Kommentare zum anderen. „Am Ende fühlte es sich fast so an, als ob wir das Spiel mit 0:30 verloren hätten.“

Der Hagener Coach befindet sich somit mehr denn je in einer schwierigen Situation. Er muss einen extremen Spagat meistern. Denn – und das sollte man auf gar keinen Fall vergessen in der jetzigen Debatte – vor gerade einmal zweieinhalb Wochen standen die Hagener noch blendend da in der Oberliga, hatten sieben Punkte in fünf Spielen eingesammelt und gerade ganz knapp einen 2:1-Auswärtssieg bei den heimstarken Cellern verpasst. Nur drei Heimspiele später fühlt es sich nun aber trotzdem nach einer veritablen, vielleicht sogar der ersten echten Krise an, die die Hagener in den vergangenen Jahren durchzustehen hatten.

„Ich würde es nicht als Krise bezeichnen“, schränkt Yannick Becker aus voller Überzeugung ein. Gleichwohl weiß der Torwart: „Wir sind derzeit in einer Situation, in der Fehler schneller ins Negative schlagen als sonst.“ Vielleicht kommt da das Spiel bei Arminia Hannover gerade recht. Der Tabellenneunte aus der Landeshauptstadt wartet ebenfalls bereits seit vier Spielen auf einen Sieg. Vielleicht ist die Frage nach dem Ergebnis nach einem 0:9-Desaster aber auch erst einmal nur zweitrangig. Vielleicht geht es jetzt „nur“ darum, zu zeigen, wie ernsthaft es die Mannschaft mit der Wiedergutmachung meint.

Carsten Werde betont in diesem Zusammenhang, dass sich „auch nach dem 0:7 niemand zerfleischt hat oder das Team in elf Einzelkämpfer zerfallen ist.“ Gleichwohl haben die letzten drei Heimspiele gezeigt, dass Rückstände an der Blumenstraße eben doch nicht auf Knopfdruck gedreht werden können – zumindest nicht in dieser Oberliga. Für viele Zuschauer ging es am Ende eigentlich eh nur noch um eine Frage: Hat die Mannschaft nicht die nötige Qualität, oder haben die Spieler bei diesem Charaktertest in der zweiten Halbzeit schlichtweg versagt? Für Werde lautet die Antwort: Weder noch! Der Hagener Trainer sieht dieses 0:9 eher als singuläres Ereignis.

Eines, bei dem am Ende alles Negative zusammenkam und die Spieler sich von ihrer Enttäuschung übermannen ließen – und am Ende schlichtweg unfähig waren, sich noch zu wehren. „Es sollte einfach nur noch vorbeigehen“, umschreibt Carsten Werde die Gemütslage seiner Schützlinge in den letzten 20 Minuten. An der grundsätzlichen Charakterstärke seiner Mannschaft habe er aber keine Sekunde gezweifelt.

Am Dienstag waren nun 18 Spieler beim Training, am Mittwoch folgte eine große Aussprache, in der laut Werde vor allem eines klar zum Ausdruck gebracht wurde: „Die Jungs kommen nach wie vor gerne zum Training.“ Das bestätigt auch Torwart Yannick Becker, der unter der Woche allerdings beruflich in München weilte. Angst vor einer Abwärtsspirale, wie sie den Oberligisten SV Blau-Weiß Bornreihe in der Saison 2016/2017 irgendwann erfasst hatte, hat Becker jedenfalls nicht: „Weil wir grundsätzlich eine ganz andere Qualität im Kader haben. Und weil wir einfach den besten Trainer für eine solche Situation haben. Für jede Situation eigentlich.“


Quelle: Weser-Kurier vom 28.09.2019 verfasst von Tobas Dohr